
Komorbidität bedeutet, dass ein Mensch zwei oder mehr Krankheiten oder Störungen aufweist. Im Zusammenhang mit Sucht heißt das, dass neben der Abhängigkeit auch mindestens eine psychische Erkrankung gleichzeitig auftritt. Dabei spricht man häufig auch von Doppeldiagnose.
Bei Menschen, die unter einer psychischen Erkrankung leiden, gesellt sich häufig auch noch eine Abhängigkeit dazu. Bei Personen, die beispielsweise von einer Psychose betroffen sind, entwickeln fast 50 Prozent im Laufe ihres Lebens eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Aber auch umgekehrt betrifft über die Hälfte aller Menschen mit einer Suchterkrankung meist auch eine psychische Erkrankung. Dabei ist die Kausalität für jeden Fall einzeln zu bestimmen, sprich, ob die Suchterkrankung oder die psychische Erkrankung zuerst da war und das Entstehen des anderen jeweils beeinflusst hat.
Psychische Gesundheitskomplexe wie Depressionen können zu Drogenmissbrauch führen, und umgekehrt kann Drogenmissbrauch dazu führen, dass sich psychische Gesundheitsprobleme wie Schizophrenie, Paranoia und Angst manifestieren und entwickeln.
Menschen mit psychischen Erkrankungen wenden sich möglicherweise Alkohol oder anderen Drogen als Selbstmedikation zu, um die Symptome der psychischen Gesundheit zu verbessern. Untersuchungen zeigen jedoch, dass Alkohol und andere Drogen die Symptome einer psychischen Erkrankung verschlimmern.
Die Berufsfelder der psychischen Gesundheit und der Substanzbehandlung sind in Bezug auf die Behandlungsmodalitäten häufig gegensätzlich, so dass es oft schwierig sein kann, eine auf integrierte Versorgung spezialisierte Behandlungseinrichtung oder Reha zu finden.
Definitionen zur psychischen Gesundheit
Psychische Gesundheit WHO 2019
Psychische Gesundheit ist ein Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann.
Psychische Erkrankung WHO 2019
Psychische Erkrankungen stellen Störungen der psychischen Gesundheit einer Person dar, die oft durch eine Kombination von belastenden Gedanken, Emotionen, Verhaltensweisen und Beziehungen zu anderen gekennzeichnet sind. Beispiele sind Depressionen, Angststörungen, Verhaltensstörungen, bipolare Störungen und Psychosen.
Faustregel
Wenn die Symptome mehr als vier Wochen nach einer akuten Intoxikations- oder Entzugssymptomatik noch bestehen, wird von einer nicht substanzindizierten Störung ausgegangen, eine Doppeldiagnose diagnostiziert und der Patient entsprechend behandelt. Daraus resultiert, dass eigentlich eine vierwöchige Abstinenz notwendig ist, um ggf. „dahinter liegende“ psychische Störungen zu erkennen. Durch die gegenseitige Beeinflussung beider Störungen ist die Diagnose schwierig. Abhängigkeit wird aufgrund der psychiatrischen Symptome oft übersehen oder unterdiagnostiziert oder umgekehrt.
Mögliche Zusammenhänge von Sucht und psychischen Erkrankungen
- Psychische Störung verursacht Sucht (Selbstmedikationshypothese)
- Sucht verursacht psychische Störung (Gesteigerte Vulnerabilität, Sensitivitätsmodell)
- dritter (z.B. genetischer, Umwelt) Faktor verursacht beide Störungen
- es gibt keinen Zusammenhang (Zufallsmodell)
- Wechselwirkung beider Störungen
Einteilung psychischer Störungen nach der WHO
Organische psychische Störungen
Aufgrund ihrer weiten Verbreitung in der Bevölkerung haben insbesondere Depressionen, Angststörungen und Demenzerkrankungen eine große gesundheitliche Relevanz.
Psychische Störungen durch psychotrope Substanzen
Substanzen, wie Alkohol oder Cannabis, wirken sich auf die menschliche Psyche aus.
Schizophrene und wahnhafte Störungen
Störung der Wahrnehmung, des Denkens und der Ich-Umwelt-Grenzen, wie z.B. bei Schizophrenie.
Affektive Störungen
Krankhafte Veränderung der Stimmungslage. Die Stimmung kann gehoben (etwa bei einer Manie) oder gedrückt (bei einer Depression) sein.
Psychische Störungen in Verbindung mit körperlichen Störungen
Z.B. Essstörungen, wie Bulimie, Binge Eating Disorder oder Magersucht.
Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
Belastungsstörungen sind starke emotionale Reaktionen auf ein belastendes Ereignis. Von somatoformen Störungen (veralteter Begriff: Neurotische Störung) sprechen Ärzte bei wiederholt auftretenden Symptomen, für die es keine körperliche Ursache gibt, etwa Reizdarmsyndrom oder häufiger Harndrang (Reizblase).
Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
Wenn die Wahrnehmung, das Denken und das Verhalten einer Person anhaltend von der Norm abweichen und nicht kontrolliert werden können. Persönlichkeitsstörungen sind zum Beispiel die Borderline Störung oder der Kontrollzwang. Zu Verhaltensstörungen zählen etwa Ess- oder Angststörungen.
Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn der Kindheit/Jugend
z.B. ADHS (Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung)
Mögliche Ursachen psychischer Erkrankungen
- Genetik
- Lebensgeschichte
- Aktuelle Probleme
- endogen (von innen stammend)
- exogen/ organisch (also von außen kommend oder körperlich)
Mögliche Ursachen psychischer Erkrankungen (Beispiele)
- genetisch bedingte Ungleichgewichts- zustände des Gehirns
- äußere physische Einflüsse, wie Verletzungen oder Schädigungen des Gehirns (bspw. Bei Drogenkonsum in der Schwangerschaft oder Komplikationen bei Geburt)
- psychische Ursachen, wie trauma-tisierende Situationen
- psychisch belastendes Umfeld
Bewältigungsstrategien (Beispiele)
- Verleugnung
- Kompensation
- Phantasie
- Projektion
- Rational-logisch
- Verdrängung
- Süchtiges Verhalten
Psychischen Erkrankungen im Zusammenhang mit Sucht
In der folgenden Präsentation bekommst du einen Überblick über die häufigsten und relevantesten psychischen Erkrankungen im Zusammenhang mit Sucht.

Podcast zum Thema Doppeldiagnose:

