SoberGuides Lektion 2.2: Rückfall

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Hier gibt Andreas Tipps zum Umgang mit Suchtdruck:


Rückfall

Was ist ein Rückfall?

Ein Rückfall ist das erneute Auftreten eines problematischen Konsumverhaltens oder einer Abhängigkeit nach einer Phase der Abstinenz. Bei Suchterkrankungen kann ein Rückfall beispielsweise bedeuten, dass eine Person nach längerer Abstinenz wieder Alkohol trinkt, Drogen konsumiert oder Glücksspiel betreibt.

Für Betroffene und Angehörige ist es oft eine Herausforderung, mit einem Rückfall umzugehen. Es ist jedoch wichtig, sich bewusst zu machen, dass ein Rückfall keine Katastrophe ist, sondern zur Suchterkrankung gehört. Oft ist es schwierig, die Sucht zu überwinden, und viele Menschen müssen den Umweg über einen Rückfall gehen, um eine dauerhafte Abstinenz zu erreichen.

Der Begriff “Rückfall” wird je nach Kontext und Fachgebiet unterschiedlich definiert. Das Spektrum der Definitionen ist sehr breit und reicht von einer engen Definition, die jeden Konsum des Suchtmittels als Rückfall betrachtet, bis hin zu differenzierten Bewertungen, die Aspekte wie die konsumierte Menge oder die Dauer des Konsums berücksichtigen. Darüber hinaus gibt es Einschätzungen, ob sich das Konsumverhalten im Vergleich zum früheren Konsumverhalten verbessert hat und ob soziale Auffälligkeiten oder ein schädlicher bzw. riskanter Konsum vorliegen.

Rückfallvorbeugung und Rückfallbearbeitung sind daher auch Dauerthemen innerhalb der Suchtselbsthilfe. Es geht darum, Risikosituationen frühzeitig zu begegnen bzw. in Rückfallsituationen angemessen zu agieren und zu reagieren.

Es ist unbestritten, dass sich der Austausch mit Betroffenen in der Selbsthilfe positiv auf die Aufrechterhaltung der Abstinenz auswirkt.

Das sozialkognitive Rückfallmodell nach G. A. Marlatt (1989) hat sich in der Praxis und Therapie als hilfreiches Modell erwiesen, um die gewünschte Abstinenz aufrechtzuerhalten und auch das Rückfallgeschehen zu bewältigen.

Viele Behandlungseinrichtungen, die Bausteine der Rückfallprävention anbieten, verwenden dieses Schema. Obwohl es bisher nur wenige empirische Untersuchungen zu den Komponenten des Modells gibt, ist es für Betroffene, Angehörige und Helfer sehr einleuchtend und erlebens- sowie verhaltensnah.

Grundannahme ist, dass Rückfälle nur selten plötzliche Ereignisse sind, sondern sich über einen längeren Zeitraum in vielen Einzelschritten auf der kognitiven und der Verhaltensebene entwickeln.

Dabei wird zwischen einmaligem Substanzkonsum und vollständigem Rückfall in das alte Abhängigkeitsverhalten unterschieden.

Die Wahrscheinlichkeit des erneuten Konsums nach Abstinenz wird in diesem Modell durch drei Faktoren beeinflusst.

  • Allgemein kritische Lebenssituation, Konfrontation mit Risikosituation: Bedrohung der individuellen Kontrollfähigkeit durch nicht alltägliche Situationen, welche die Rückfallwahrscheinlichkeit erhöhen (z. B. soziale Konflikte, soziale Verführung)
  • Positive Erwartungen bezüglich des Substanzkonsums und (subjektiv empfundenes) Ausmaß an Bewältigungsstrategien für den Umgang mit Risikosituationen: Die Rückfallwahrscheinlichkeit hängt von der Verfügbarkeit und dem Einsatz von Handlungsalternativen zum Substanzgebrauch ab
  • Abstinenzzuversicht: Die Überzeugung eines Abhängigen, in Rückfallrisikosituationen über Handlungsalternativen zum Substanzgebrauch zu verfügen, wobei Personen mit hoher Abstinenzzuversicht weniger rückfallgefährdet sind als Personen mit geringerer.

Rückfälle sollten in der Selbsthilfe nicht als Zeichen von Willensschwäche oder Gleichgültigkeit angesehen werden. Obwohl sie ein ernstes Problem darstellen, bedeuten sie keine unausweichliche Katastrophe. Der entscheidende Faktor für einen dauerhaft erfolgreichen Verlauf einer Suchterkrankung ist die Fähigkeit, Techniken anzuwenden, um Rückfälle zu vermeiden oder schnell zu überwinden. Viele Menschen haben ihre Abhängigkeit auch nach Rückfällen erfolgreich besiegt.

Rückfall, Vorfall oder Unfall

Für einen vorurteilsfreien und unterstützenden Umgang mit einer Person, die durch einen erneuten Suchtmittelkonsum in Schwierigkeiten geraten ist, erscheint es hilfreich, den Begriff Rückfall weiter zu fassen und zwischen Rückfallgefahr und Unfall/Vorfall zu unterscheiden.

Eine “Entdramatisierung” des Rückfalls erleichtert es, über den erneuten Konsum zu sprechen und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Stattdessen sollte der Blick in die Zukunft gerichtet werden, um eine Verschlimmerung zu verhindern und den Weg zurück in die Abstinenz zu finden.

Der Fokus sollte auf dem Verhalten, der Unterstützung und den Hilfsmöglichkeiten liegen, anstatt nach Ursachen und Rechtfertigungen zu suchen. Eine solche Sichtweise rückt das eigentliche Problem in den Mittelpunkt, nämlich dass der Mensch in seiner Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigt sein kann und daher auf alte, schädliche Verhaltensweisen zurückgreift. Die Situation wird somit zur Überforderungssituation für den Betroffenen und seine Angehörigen. Ein solcher Umgang mit Rückfällen in der Selbsthilfe kann zu mehr Empathie und Unterstützung führen.


Ein Rückfall:

  • passiert meist in besonderen (bzw. besonders riskanten) Situationen
  • muss keine Katastrophe sein
  • bedeutet nicht, dass man persönlich gescheitert ist
  • kann Menschen in ihrer Abstinenz bestärken. Er bedeutet nicht, dass jemand am Ziel (Abstinenz) gescheitert ist

In der Abstinenz

Ein neuer Lebensstil ist möglich! Das zeigt zum Beispiel die Selbsthilfe. Hier treffen sich Menschen, die den Ausstieg aus dem Teufelskreis gewagt haben und von ihrem Weg aus der Sucht berichten. Wenn die Gruppe gut läuft, erzählen die Teilnehmenden von ihren Erfolgen und positiven Erfahrungen, aber auch von ihren Schwierigkeiten, Misserfolgen und Rückschlägen.

„Was der/die kann, kann ich auch!” Diese Erfahrungen können Mut machen und das Selbstvertrauen jedes Einzelnen in der Gruppe stärken.

In der ersten Zeit der Abstinenz kann sich ein Gruppenmitglied in der Selbsthilfegruppe aktiv beraten lassen. Er erhält konkrete Hinweise zu Fragen wie: ,,Wie strukturiere ich meinen Tag?“ „Wo finde ich als Single in dieser Stadt einen alkoholfreien Treffpunkt?” „Gibt es hier in der Nähe einen Sportverein oder einen Chor, der Mitglieder sucht?”

Wer einen neuen Lebensstil entwickeln will, muss sich auf das Alltägliche konzentrieren und sich Zeit nehmen. Der Lebensstil muss während des gesamten Lebenszyklus überprüft und angepasst werden.

Im besten Fall lernt man durch den Austausch

Sich selbst akzeptieren, wohlfühlen, genießen, reden, streiten, Kritik annehmen und äußern, Lob und Anerkennung annehmen, um Hilfe bitten, sich abgrenzen, berechtigte Ansprüche stellen und zurückweisen, ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben, angenehme und unangenehme Gefühle empfinden und mitteilen sowie vorausschauend zu planen und zu handeln.

Risikosituationen beachten

Es gibt verschiedene Situationen, die das Rückfallrisiko erhöhen:

  • unangenehme Gefühle (Einsamkeit, mangelndes Selbstwertgefühl, Angst, Überforderung, Unterforderung, Depression)
  • Konflikte mit anderen Menschen (Partner, Freunde, Kollegen)
  • Aufforderungen zum Konsum oder Suchtverhalten (auf Partys, bei Familienfeiern/ Feiern von Bekannten) und mangelnde Abgrenzungsfähigkeit
  • Suchtverlangen oder Verlangen nach der Wirkung der Droge oder des problematischen Verhaltens
  • der Versuch, kontrolliert zu konsumieren (bei Alkohol, Drogen und auch Glücksspiel ist Abstinenz möglich und erwünscht. Bei problematischer Mediennutzung geht es z. B. darum, einen kontrollierten Umgang zu erlernen)
  • mangelnde Achtsamkeit oder Selbstüberschätzung in angenehmen Situationen (Feiern) und überschwänglichen Zuständen
  • körperliche Beschwerden (Schlafstörungen, Schmerzen)

Menschen, die am Anfang ihrer Abstinenz stehen, kennen die Angst vor einigen dieser kritischen Situationen. Sie sind zum Teil mit hohen Erwartungen verbunden. Daher bergen diese Situationen ein deutliches Risiko, dem gerade eine erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Risikosituationen und Rückfallgedanken dürfen sein. Sie müssen rechtzeitig erkannt und besprochen werden. 

Während des Rückfalls

Wenn sich Hilfesuchende während eines Rückfalls an die Selbsthilfegruppe wenden, können folgende Schritte unternommen werden:

Abklärung, ob professionelle Hilfe (Arzt, Beratungsstelle, Therapeut) notwendig ist.

Zeit und Raum zu schaffen, um den Betroffenen die Möglichkeit zu geben, über ihre Situation zu sprechen.

Schaffung einer offenen und wertfreien Atmosphäre, in der alle Anwesenden ihre Meinungen und Gefühle zum Ausdruck bringen können.

Das weitere Vorgehen für die nächste Zeit besprechen und Hilfe anbieten.

Auf die Reaktionen und Gefühle aller Anwesenden achten und gegebenenfalls Unterstützung anbieten. Nicht nur die betroffene Person braucht Unterstützung, alle Gruppenmitglieder haben Anspruch auf Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Nach dem Rückfall

Menschen, die rückfällig geworden sind, ziehen sich oft aus Scham, Angst vor Verurteilung oder Unsicherheit zurück und isolieren sich von der Selbsthilfegruppe. In dieser Situation ist es wichtig, dass die Gruppe dem Rückfälligen vermittelt, dass er nicht aus der Gruppe fällt, sondern von der Gruppe aufgefangen wird. So kann der Rückfall in der Gruppe besprochen und aufgearbeitet werden. Viele Betroffene suchen nach einiger Zeit eine andere Selbsthilfegruppe auf oder kehren sogar in ihre alte Gruppe zurück. Die Gruppe soll dem Betroffenen helfen, sich mit dem Rückfall auseinanderzusetzen, indem die Gruppenmitglieder ihre eigenen Gedanken und Gefühle zum Thema „Rückfall“ austauschen und Lösungsansätze in den Vordergrund stellen.

Den Rückfall thematisieren

Hier findet ihr Fragen und Anregungen für die Gruppendiskussion, den Dialog oder die Selbstreflexion zum Thema „Rückfall“:

  • Was bedeutet “Rückfall“ für mich? Wieder konsumieren, intensive Gedanken/Träume über den Konsum oder die Wirkung des Suchtmittels, “Sehnsucht” nach den guten Gefühlen unter der Substanz?
  • Was bedeutet „Rückfall” für mich? Katastrophe, Verschlimmerung, schlechtes Gewissen, Unwohlsein, Warnsignal, Hinweis, meinen Lebensstil und meine Prioritäten zu überdenken?
  • Was bedeutet „Abstinenz” für mich? Mühe, Anstrengung, Lebensgefühl, Chancen, Lebensfreude, Zukunft, Fürsorge?
  • Wie schätze ich meine Nähe/Distanz zum Thema „Rückfall” ein? Vermeidung, Ausschluss aus meinem Leben, Bedrohung, Angst, Warnung, Unterstützung, Betroffenheit?

Grenzen der Hilfen

Helfen kann nur, wer nicht hauptsächlich mit sich selbst beschäftig ist. Dies gilt auch für den Suchtgefährdetenhelfer, der dem Rückfälligen sehr nah steht.

Diese Merksätze können helfen, die eigenen Grenzen zu wahren:

  • Ich bin nicht verantwortlich für das, was der andere tut, auch nicht für den Rück­fall!
  • Ich kann Hilfe anbieten, aber ich kann den anderen und sein Leben nicht ändern!
  • Ich muss die Entscheidungen des anderen respektieren, auch wenn ich anders entscheiden oder handeln würde!
  • Ich darf mich um mich selbst kümmern (z. B. auch dann, wenn es dem anderen schlecht geht, auch wenn ich das Verhalten des anderen nicht verstehe oder es sogar missbillige)!

Quelle: Der Rückfall: Eine Handreichung für Suchtbetroffene und Helfer von Heinz-Josef Janßen, Käthe Körtel (Herausgeber)

Hier gibt es weitere Infos zum Thema:

Mehr Infos auf der Seite der DHS: www.akoholrueckfall.de.