SoberGuides Lektion 2.1: Entstehung von Sucht

Fast jeder hat etwas, von dem er gar nicht genug kriegen kann. In der Regel ist das unbedenklich. Doch wenn wir die Kontrolle über unser Verhalten verlieren und nicht aufhören können, obwohl sich schon schädliche Folgen bemerkbar machen, kann eine Sucht vorliegen.

Definition der WHO

Auch wenn der Begriff Sucht noch in vielen Bereichen genutzt wird (Suchtprävention, Suchtgedächtnis, Suchthilfe etc.), hat sich der Begriff Abhängigkeit mittlerweile durchgesetzt. Daraus ergibt sich das Abhängigkeitssyndrom, das von der WHO wie folgt definiert wird:

„Es handelt sich um eine Gruppe körperlicher, Verhaltens- und kognitiver Phänomene, bei denen der Konsum einer Substanz oder einer Substanzklasse für die betroffene Person Vorrang hat gegenüber anderen Verhaltensweisen, die von ihr früher höher bewertet wurden. Ein entscheidendes Charakteristikum der Abhängigkeit ist der oft starke, gelegentlich übermächtige Wunsch, psychotrope Substanzen oder Medikamente (ärztlich verordnet oder nicht), Alkohol oder Tabak zu konsumieren“.

Diese Erklärung bezieht sich hauptsächlich auf den klassischen Suchtbegriff, also auf substanzgebundene Süchte. Dafür werden Kriterien herangezogen, wie Toleranzentwicklung, Kontrollverlust oder körperliche Entzugssymptome:

Toleranzentwicklung:

Wird dem Körper regelmäßig Suchtstoffe zugeführt, verändern sich die Rezeptoren, die für das Belohnungszentrum im Gehirn zuständig sind. Um die als angenehm empfundenen Effekte des Rauschs zu erreichen, benötigt man irgendwann größere Mengen des Suchtstoffes. Diesen Vorgang, der ein Prinzip der Sucht ist, nennt man Toleranzentwicklung.

Kontrollverlust:

Kontrollverlust meint die Unfähigkeit, den Konsum des Suchtstoffes zu steuern und zu stoppen. Zum Beispiel beim Alkohol: Verminderte kontrollfähigkeit über den Alkoholgebrauch, d.h. über Beginn, Beendigung und Menge des Alkoholkonsums. Dies wird daran ersichtlich, dass Alkohol in größeren Mengen oder über einen längeren Zeitraum als geplant konsumiert wird, oder an erfolglosen Versuchen, den Substanzkonsum zu verringern oder zu kontrollieren.

Körperliche Entzugssymptome:

Ist jemand von einem Suchtstoff körperlich abhängig, so treten schon wenige Stunden nach dem letzten Konsum Entzugserscheinungen auf. Intensität und Gefährlichkeit der Entzugssymptome sind je nach Droge unterschiedlich.

Erweiterter Suchtbegriff

Neben dem klassischen Suchtbegriff gibt es auch einen erweiterten Suchtbegriff. Dabei werden auch psychische und soziale Abhängigkeiten, sowie nicht substanzgebundene Süchte berücksichtigt (Spielsucht, Mediensucht, Magersucht, Sexsucht etc.). Dabei muss aber eine klare Grenze gezogen werden, damit Abhängigkeit nicht mit Gewohnheit gleichgesetzt wird. Sucht und Abhängigkeit hat einen Krankheitscharakter und sollte nur als solche bezeichnet werden, wenn das Problemverhalten eigendynamisch und zwanghaft wird.


Wie entsteht Sucht? – Risikofaktoren

Bei der Entstehung eine Sucht spielt selten nur ein Faktor eine Rolle. Es handelt sich meist um ein Zusammenspiel aus Ursachen und Umständen, die sich gegenseitig beeinflussen und so zu einer Sucht führen können.

Es gibt diverse Erklärungsansätze zur Entstehung, die sich grob in drei Kategorien einteilen lassen: psychologisch, biologisch und soziologisch.

Psychologische Ansätze

Dabei geht es um die Ursachen für Sucht von Seite des Menschen, also des Individuums. Beim psychoanalytischen Ansatz wird die Entstehung von Sucht als Störung in der Persönlichkeitsentwicklung gesehen, während man beim lerntheoretischen Modell davon ausgeht, dass Sucht als Verhalten erlernt wird. Systemische Theorien hingegen beziehen auch Beziehungen zu Personen im Umfeld mit ein. Dabei beschäftigen sie sich aber weniger mit der Entstehung als viel mehr mit der Aufrechterhaltung oder Veränderung der Sucht zum aktuellen Zeitpunkt.

  • Wurden Substanzen schon im Jugendalter eingenommen?
  • Schätzt die Person den Substanzkonsum als wenig riskant ein?
  • Hat die Person eine Vorgeschichte bezüglich Stressbelastung, Leistungsdruck und Überforderungssituationen, Schmerzzuständen oder Schlafstörungen?
  • Liegen psychische Erkrankungen, wie z.B. Angststörungen, Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörung oder Depressionen vor?
  • Gibt es belastende persönliche Lebensumstände, wie z.B. eine Trennung oder ein Todesfall in der Familie?

Biologische Ansätze

Bei diesem Ansatz wird die stoffgebundene Abhängigkeit auf biologische Prozesse zurückgeführt. Psychoaktive Substanzen greifen unterschiedlich in Stoffwechselprozesse des Gehirns ein und haben neurobiologische Veränderungen zur Folge. Das beeinflusst die Informationsübertragung und stört wiederum das körpereigene Belohnungssystem, welches normalerweise durch lebensnotwendige Prozesse, wie Essen, Trinken der Sexualverhalten aktiviert wird. Der Substanzkonsum wird zunächst mit einer belohnenden Wirkung verknüpft. Mit zunehmender Toleranz und durch die Veränderungen im Gehirn nimmt die abhängige Person die Substanz nicht mehr ein, um Lust oder Freude zu spüren, sondern um eine Linderung ihrer Missstimmung zu erlangen. Neurobiologischen Theorien nach wird eine Anfälligkeit bestimmter Personen für Suchtverhalten vermutet.

  • Liegen bei der Person erbliche Faktoren vor?
  • Wie hoch ist das Abhängigkeitspotential der Substanz?
  • Wie wirkt die Substanz?

Soziologische Ansätze

In diesen Theorien wird die Entstehung von Sucht durch Einflüsse aus der Gesellschaft und der Lebenswelt der Betroffenen erklärt. Das umfasst zum Beispiel die Familie und die Peergroup (soziale Gruppe, der sich ein Individuum angehörig fühlt; gleiches Alter und ähnliche Interessen).

  • Gibt es Substanzmissbrauch in der Familie (z.B. durch Eltern oder ältere Geschwister)?
  • Kommt es in der Familie zu Konflikten, Missbrauch oder Vernachlässigung?
  • Befürworten oder billigen die Eltern den Substanzkonsum?
  • Liegt ein niedrigerer sozioökonomischer Status vor?
  • Sind Substanzen wie Alkohol oder andere Drogen leicht verfügbar bzw. günstig zu erwerben?
  • Gibt es gemeinsame Normen oder Vorstellungen, die den Konsum begünstigen?
  • Konsumiert die Peergroup auch?
  • Gibt es spezielle Leitbilder und Trends in seinem Umfeld, die einen prägen?

Aber auch Schule oder Berufsleben können die Entstehung von Sucht beeinflussen, beispielsweise wenn es an Zukunftsperspektiven mangelt oder die Person Zukunftsängste hat. Dabei spielen auch gesellschaftliche Risiken eine Rolle, wie arbeitslos zu werden.

  • Kommt es zu schlechten schulischen Leistungen?
  • Wird der Substanzkonsum unter Klassenkameraden als hoch wahrgenommen?
  • Wird der Substanzkonsum in der Schule schlecht kontrolliert?
  • Sehen Schüler die Schule nicht als lohnend oder sinnvoll an, sodass ihr Engagement für die Schule nachlässt?
  • Besteht ein hoher Leistungs- und Konkurrenzdruck?
  • Werden der Entscheidungsspielraum bzw. die Kontrolle über die eigenen Handlungen als gering empfunden? 
  • Fühlt sich die Person über- oder unterfordert?

Das “Suchtdreieck”

Da die Einflussfaktoren nicht allein auftreten, sondern meist gemeinsam, ist es sinnvoll auch ihre gegenseitige Beeinflussung zu betrachten. Zur Erklärung der Wechselwirkungen ist ein Modell besonders bekannt: „Trias der Entstehungsursachen der Drogenabhängigkeit“, das oft als Suchtdreieck bezeichnet wird.  Dabei handelt es sich um ein Modell, in dem die psychoaktive Substanz, das soziale Umfeld und die Person selbst in Zusammenhang stehen.

Dieses Modell tendiert jedoch zu statistische Aussagen, weshalb momentan vermehrt an dynamischen Modellen gearbeitet wird, die die Entstehung und den Verlauf von Sucht als Prozess verstehen, in dem die Faktoren in den einzelnen Phasen unterschiedlich wirken können.


Wie wird eine Sucht festgestellt?

Eine Sucht bleibt häufig lange unentdeckt, etwa weil sie sich schleichend entwickelt oder aus Scham geheim gehalten wird. Ärztinnen und Ärzte können eine Sucht u.a. mittels Anamnese, körperlicher Untersuchung, Fragebögen und mitunter auch Laboruntersuchungen feststellen. Letztere spielen nur eine untergeordnete Rolle, da sie zwar Substanzen im Körper nachweisen können, jedoch keine Abhängigkeiten diagnostizieren. Die Kriterien für eine Einordnung als Sucht von der WHO sind oft ein Anhaltspunkt.

Kriterien für Feststellung von Sucht

Um eine stoffgebundene Sucht feststellen zu können, müssen nach Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mindestens drei der folgenden Kriterien im vergangenen Jahr aufgetreten sein:

  1. Starker zwangsartiger Wunsch, die Substanz zu konsumieren
  2. Verminderte Kontrollfähigkeit in Bezug auf Beginn, Beendigung und Menge des Konsums
  3. Körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Verminderung des Konsums
  4. Toleranzentwicklung – die Wirkung der Substanz nimmt ab, weil sich der Körper daran gewöhnt. In der Folge muss für die gleiche Wirkung mehr konsumiert werden.
  5. Fortschreitende Vernachlässigung von Interessen und Verpflichtungen zugunsten des Konsums
  6. Anhaltender Konsum, obwohl durch den Substanzkonsum bereits Schäden eingetreten sind.

Das Tagebuch

Das Tagebuch ist ein Tool, um Personen zur Reflexion ihres eigenen Konsums und damit auch zur Veränderung anzuregen. Es kann erste Hinweise auf einen problematischen Konsum geben, wenn es frühzeitig eingesetzt wird. Mit einem Klick auf das Bild kannst du die PDF herunterladen, darin findest du die Anleitung und die Vorlage zum Ausschneiden.

Trinktagebuch APP

Von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) gibt es ein “Trinktagebuch” als App. Die DHS schreibt dazu:

Die DHS App „Trinktagebuch“ unterstützt dabei, den eigenen Alkoholkonsum zu beobachten, zu reflektieren und, wenn gewünscht, zu verändern. Die Nutzung ist anonym, kostenfrei und datensicher. Durch regelmäßige Einträge erkennen Nutzende, wann und in welchen Situationen, sozialen Kontexten und Stimmungen sie Alkohol trinken
und ob sie ihre individuell festgelegten Ziele einhalten

Wenn du auf das Bild rechts klickst, erhältst du weitere Informationen und die QR-Codes zum Download.